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Meinungsfreiheit und gesellschaftliche Verantwortung können online nebeneinander bestehen

  • Von Susan Wojcicki
  • CEO
  • 09.Sep.2021
Meinungsfreiheit und gesellschaftliche Verantwortung können online nebeneinander bestehen
YouTube setzt sich dafür ein, gegensätzliche Interessen zu vereinen. Regierungen können klare, aber flexible Regeln festlegen.

Als Kind hatte ich bei jedem Brief, den ich an meinen Großvater schrieb, Angst vor Zensur. Mein Vater war aus dem kommunistischen Polen in die USA geflohen. Meinem Großvater gelang das aber nicht und er musste weiterhin hinter dem Eisernen Vorhang leben. Mir war schon sehr früh bewusst, dass es gefährlich werden kann, wenn Regierungen zu viel Einfluss nehmen.

Als CEO von YouTube habe ich täglich mit Themen rund um Meinungsfreiheit und Verantwortung zu tun. Unternehmen, Zivilgesellschaften und Regierungen stehen aktuell vor nie dagewesenen Herausforderungen und müssen sich mit komplizierten Fragestellungen befassen und überlegen, wo bei Meinungsfreiheit im 21. Jahrhundert die Grenze gezogen werden muss. Politische Entscheidungsträger auf der ganzen Welt arbeiten Regulierungsvorschläge aus. Manche sind der Meinung, dass zu viele Inhalte auf den Plattformen verbleiben, während andere finden, dass zu viel deaktiviert wird. Bei YouTube setzen wir uns für den Schutz unserer Community ein, bieten aber gleichzeitig die Möglichkeit, neue und vielfältige Meinungen zu vertreten. Den Diskussionen rund um die Regulierung von Meinungsfreiheit im Internet sollten drei Prinzipien zugrunde liegen.

Zuerst einmal müssen wir festhalten, dass das offene Internet die Gesellschaft unglaublich verändert hat. Die G7-Staaten haben in einer aktuellen Erklärung den fundamentalen Wert von Offenheit betont. YouTube bietet allen Menschen mit einem Internetanschluss Zugang zu Informationen. Menschen auf der ganzen Welt suchen auf YouTube nach Informationen, um etwas zu lernen und Teil einer Community zu werden. Da wir einen offenen Ort für alle schaffen, treiben natürlich auch manchmal schwarze Schafe ihr Unwesen.

Auf YouTube gibt es schon immer Community-Richtlinien, die als Rahmenwerk für die Nutzung der Plattform dienen. Wir entfernen Inhalte, die echte Risiken darstellen könnten, beispielsweise gewalttätigen Extremismus, Urheberrechtsverletzungen und gefährliche Streiche. Einige unserer Entscheidungen sind kontrovers. Wir wenden unsere Richtlinien jedoch einheitlich an, unabhängig davon, wer die Inhalte postet oder welche politische Gesinnung vertreten wird. Gleichzeitig wissen wir, wie komplex das Internet ist. Wenn wir alle kontroversen Inhalte entfernen würden, würden wir unter Umständen wichtige Stimmen und Ideen unterdrücken.

 

Zweitens gilt, dass demokratische Regierungen Unternehmen klare Richtlinien zu illegaler Meinungsäußerung bieten müssen. Dadurch können wir illegale Inhalte schneller und effizienter entfernen. Diese Gesetze müssen auf internationalen Normen basieren, wenn Regierungsvertreter die Informationsfreiheit und Schadensrisiken miteinander abwägen. Die Regeln für das Internet werden regelmäßig aktualisiert – von Urheberrechten über Wahlen bis hin zu politischen Kampagnen. YouTube kooperiert gern mit Regierungen, um auf diese und andere Probleme zu reagieren.

Doch nicht die gesamte Inhaltsmoderation wird von Regierungen überwacht. Deshalb bin ich vom dritten Prinzip überzeugt: Unternehmen sollten die Flexibilität haben, verantwortungsvolle Maßnahmen zum Umgang mit legalen, aber potenziell schädlichen Aussagen zu entwickeln. Einige politische Entscheidungsträger debattieren darüber, ob legale Aussagen auf Plattformen erlaubt sein sollten. Solche Vorschriften könnten jedoch drastische Auswirkungen haben.

Nehmen wir einmal an, Entscheidungsträger würden legale Inhalte regulieren, die sie als grausam oder nicht jugendfrei erachten. Das könnte dazu führen, dass Aufnahmen von Protesten, Videospiele und Musikvideos entfernt werden. Dank Bildmaterial auf YouTube konnte die Strafverfolgung in Schweden das syrische Regime sowie Rebellen für Kriegsverbrechen zur Rechenschaft ziehen. Was wäre gewesen, wenn diese Videos deaktiviert worden wären, weil sie als zu grausam gegolten hätten?

Unternehmen müssen im Falle neuer Bedrohungen auch in der Lage sein, schnell zu agieren. Als im letzten Jahr Funkmasten des Mobilfunknetzes im Vereinigten Königreich Ziel von Brandanschlägen wurden, nachdem eine Verschwörungstheorie das 5G-Netz für COVID-19 verantwortlich gemacht hatte, haben wir unsere Richtlinien innerhalb eines einzigen Tages aktualisiert, damit diese schädlichen Inhalte entfernt werden konnten. Unsere Community vertraut darauf, dass wir Maßnahmen ergreifen. Und wir müssen weiterhin in der Lage sein, schnell zu handeln.

Einige sind vielleicht der Meinung, dass Regierungen die Redefreiheit im Internet überwachen sollten. Wir benötigen aber Flexibilität, um die richtige Balance zwischen Offenheit und Verantwortungsbewusstsein zu finden. Wenn wir falsch liegen oder uns zu weit in eine Richtung bewegen, schadet das unserem Unternehmen und den Millionen kleinen Unternehmen von YouTube-Creatorn. Werbetreibende haben ihre YouTube-Ausgaben reduziert, weil ihre Anzeigen bei problematischen Inhalten ausgeliefert wurden.

Wir arbeiten jeden Tag daran, verantwortungsbewusst zu handeln. Unsere Werbetreibenden, Nutzer und Creator verlassen sich darauf. In Zusammenarbeit mit der Global Alliance for Responsible Media entwickeln wir branchenweite Definitionen von Inhalten, die für Werbung nicht geeignet sind. Außerdem sind wir Gründungsmitglied des Global Internet Forum to Counter Terrorism. Ziel dieser Organisation ist es, gewaltbereite Extremisten am Missbrauch digitaler Plattformen zu hindern. Wir bieten Nutzern auch Tools und Steuerungsmöglichkeiten, um ihre Verwendung von YouTube zu verwalten.

Eine verantwortungsvolle Verwaltung unserer Plattform ist gut für unser Unternehmen. Wir arbeiten auch daran, unsere Bemühungen transparenter zu gestalten. Vor Kurzem haben wir unsere VVR (Violative View Rate) veröffentlicht, bei der geschätzt wird, wie häufig Zuschauern Inhalte angezeigt werden, die gegen unsere Richtlinien verstoßen. Im Vergleich zu 2017 ist die Rate um mehr als 70 % gesunken. Das lag größtenteils an unseren Investitionen in maschinelles Lernen, wodurch potenzielle Verstöße besser gemeldet werden können. Im ersten Quartal lag die Rate bei 0,16–0,18 %. Das bedeutet, dass 16 bis 18 von 10.000 Aufrufen auf YouTube nicht richtlinienkonforme Inhalte betreffen.

Bei der Aktualisierung unseres Ansatzes bezüglich Redefreiheit im Internet gibt es hohe Risiken. Eine Überregulierung legaler Inhalte hätte negative Auswirkungen auf die Redefreiheit und könnte dafür sorgen, dass uns die nächste große Idee oder bahnbrechende Entdeckung entgeht. Ich bin zuversichtlich, dass wir einen Weg finden werden, sowohl unsere Community zu schützen als auch die freie Meinungsäußerung zu ermöglichen.