Zum Hauptinhalt springen
What's Trending... in Germany? Sina Stieding im Interview
What's Trending... in Germany? Sina Stieding im Interview

Culture & Trends

What's Trending... in Germany? Sina Stieding im Interview

  • Von Joshua Sostrin
  • Editor
  • 29.Jan.2021
What's Trending... in Germany? Sina Stieding im Interview
Sina Stieding, Culture & Trends Managerin für Deutschland und Österreich, schaut auf ein außergewöhnliches Jahr der Trends auf YouTube zurück.

Für "What's Trending...?" haben wir uns mit Sina Stieding, YouTube's Culture & Trends Manager für Deutschland und Österreich, unterhalten. Ihr Lieblingstrend sind Lo-Fi-Remixe von Oldies.


In diesem Jahr hat Covid-19 die meisten von uns für längere Zeit an die vier Wände gebunden. Da die Leute sich danach sehnen, rauszukommen, hat die Zahl der reisebezogenen Videos stark zugenommen. Was sind einige der interessanteren Trends, die Du bei Reiseinhalten im Allgemeinen siehst?


Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie sehr sich Menschen durch Videokultur nach menschlicher Verbindung sehnen und an normale Zeiten erinnern.”

Sina: Weltweit haben wir eine Verdoppelung der „virtuellen Wanderungen“ und etwa 70 Millionen Aufrufe weltweit für „4K-Hikes“ (zu dt.: 4k-Wanderungen" gesehen, bei denen ein Creator eine hochauflösende Bodycam trägt und spazieren geht. Die Sparziergänge fürhren diese Creator vom Grand Canyon bis hin zum Bummeln entlang des Strandes in Thailand. Besonders auf größeren Fernsehbildschirmen ähneln diese Videos einem richtigen Naturerlebnis. Anhand von Kommentaren erkannten wir außerdem, dass manche Zuschauer sich diese Videos mit doppelter oder sogar dreifacher Geschwindigkeit angesehen haben, während sie auf ihren Laufbändern daheim rannten, um die Erfahrung des Joggens durch eine malerische Gegend zu simulieren. Interessant war auch, dass die Aufrufe für Lockdown-Spaziergänge, zum Beispiel durch ein menschenleeres London, weniger beliebt waren als die Inhalte zum "Old Normal", also einem Alltag vor der Pandemie. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie sehr sich Menschen durch Videokultur nach menschlicher Verbindung sehnen und an normale Zeiten erinnern.


In Deutschland hat die Pandemie zu einem Anstieg der Inhalte aus dem eigenen Zuhause geführt. Was steckt hinter dem Trend „Home Tours“ in Deutschland?


Sina: Die vier Wände des Hauses sind offensichtlich wichtiger geworden, da so viele von uns viel mehr Zeit Zuhause verbringen. So wird es plötzlich interessant, die Häuser anderer Menschen zu sehen, vielleicht auch, weil viele Menschen selber Heimwerkerarbeiten und Renovierungsarbeiten vornehmen und Inspiration suchen. Vor allem in Deutschland hat die "Room Tour" jedoch richtig Fahrt aufgenommen. Viele der größten Creator bieten Besichtigungen ihrer Häuser an, darunter auch der am meisten abonnierte deutsche Creator-Kanal BibisBeautyPalace. Sogar Raumtouren durch die sogenannten "Tiny Houses", also einem ganz kleinen, nachhaltigen Wohnhaus, sind in der Zuschauerzahl gestiegen: Videos mit dem Titel "Tiny House" verzeichneten zwischen Januar und September 2020 in Deutschland über 60Prozent mehr Aufrufe als im gleichen Zeitraum des Jahres 2019.


Ich denke, es gibt zwei Gründe, warum das so ist. Erstens suchen die Menschen nach "Home Tours", um sich inspirieren zu lassen, was sie mit ihren eigenen vier Wänden machen können. Zweitens ist ein Zuhause sehr persönlich, daher haben sich viele Leute diesen Inhalt angesehen, weil sie ihre Lieblingcreator besser kennenlernen wollten. Und zu sehen, dass auch die Creator sicher Zuhause social distancing praktizierten, gab Zuschauern ein Gefühl des Zusammenseins.


Erzähl uns von dem Interesse am Klimawandel und wie es kürzlich acht deutsche Creator dazu inspiriert hat, sich einer etwas anderen Quarantäne zu stellen.


Sina: Im Allgemeinen sind die Deutschen sehr politisch und sozial bewusst; eine Eigenschaft, die zweifellos in unserer Vergangenheit begründet ist, und die Erkenntnis, dass wir zusammenarbeiten müssen, um katastrophale Umstände und Ereignisse zu verhindern. Dies gilt natürlich auch für die Umwelt, was das große Interesse der Deutschen an Nachhaltigkeit erklärt, insbesondere unter den Jugendlichen des Landes. Ein Großteil dieser Inhalte konzentriert sich nicht nur auf erwartete Dinge wie Recycling, sondern auch auf Reduzierung und Minimierung der eigenen Auswirkungen auf die Umwelt, einschließlich des Trends bei "Tiny Houses", der auf YouTube ein stetiges Wachstum verzeichnet hat.


Dieses große Interesse hat den Weg für die Veranstaltung „YouTopia“ geebnet. Neben acht umweltbewussten Creatorn traten rund 40 Personen in der Sendung auf. Während des 99-stündingen Livestreams lebten die Creator in einer Öko-Kuppel, die ans Big-Brother-Haus erinnerte. Jede Bewegung wurde überwacht und beobachtet, mit Experimenten, die sich auf den Klimawandel konzentrierten. Sie trafen sich mit Politikern und politischen Entscheidungsträgern, um über den Klimawandel zu diskutieren, und sie führten auch einige Spiele mit verschiedenen TV-Persönlichkeiten durch. Das zentrale Ziel war auf das Problem aufmerksam zu machen und die Menschen zu informieren.


Ein weiteres aufstrebendes Thema sind Menschen mit Behinderungen, die die Öffentlichkeit aufklären, um Stigmen und Stereotypen zu beseitigen. Was steckt hinter diesem Trend und wer sind einige der aufstrebenden Creator in diesem Bereich?


Sina: Der größte Durchbruch im vergangenen Jahr und bis heute ist Gewitter im Kopf, ein Kanal von zwei Freunden, Jan Zimmermann und Tim Lehmann. Jan hat das Tourette-Syndrom. Ihr Kanal zeigt, wie sie sich gemeinsam durch diese Krankheit navigieren. Bisher haben sie über 2,25 Millionen Abonnenten und gehören heute zu den größten Creatorn in Deutschland. 

Dieses Duo ist ziemlich sympathisch und unterhaltsam, und sie haben eine liebenswerte Ehrlichkeit: Sie zeigen, dass es in Ordnung ist, manchmal über Jans Ticks zu lachen. Das war für viele Menschen eine sehr frische Einstellung. Auch andere Creator mit Behinderung haben tolle Arbeit geleistet: Die blinde Creatorin Ypsilon ist bei RTL aufgetreten und Leeroy Matata, ist seit Kurzem Mitglied bei funk, dem Netzwerk der ARD und des ZDF. 


Was hat es mit diesem Interesse an Minderheiten und Randgruppen auf sich?


Sina: In gewisser Weise hängt dies mit der vorherigen Kategorie von Creatorn zusammen, die Themen diskutieren, zu denen viele möglicherweise keinen Zugang haben oder die sich unwohl fühlen, wenn sie persönlich angesprochen werden. In der Tat ist einer der aufstrebenden Stars dieser Kategorie Leeroy Matata, den ich gerade erwähnt habe. Er tauscht sich im Rollstuhl mit Randgruppen aus und hat ein phänomenales Jahr hinter sich.


Kanäle wie er suchen Gespräche mit Menschen aus Gruppen wie Kriminellen, Obdachlosen oder Menschen, die an Depressionen leiden. Die Standpunkte von Mitgliedern solcher Gruppen werden nicht allgemein gehört, und selbst wenn wir jemandem mit einem solchen Hintergrund begegnen würden, ist es unwahrscheinlich, dass wir ihnen Fragen stellen würden, wie es Leeroy tut. Sein Ansatz ist ziemlich offen, aber informiert. Eines seiner erfolgreichsten Interviews war mit Maximilian Pollux, der 10 Jahre im Gefängnis war. Als er frei kam, beschloss, sein Leben zu ändern. Er wurde ein Motivationsredner für junge Leute. Nachdem Leeroy ihn interviewt hatte, beschloss er, seine Nachricht auf seinen eigenen Kanal zu bringen, und in nur drei Monaten sammelte er 100.000 Abonnenten.


Insgesamt zeigt diese Kategorie die Leistungsfähigkeit von YouTube. Die Plattform bietet Menschen, einen Ort, an dem sie ihre Stimmen und Erfahrungen mit der Welt teilen können, der womöglich nicht immer für alle gleich zugänglich ist.