Zum Hauptinhalt springen

Culture & Trends

Selbstversorgung und bewusster Konsum: "Wegen dir habe ich einen Garten angelegt!"

  • Von Sina Stieding
  • Culture & Trends Manager Germany & Austria
  • 27.Jun.2022
Selbstversorgung und bewusster Konsum: "Wegen dir habe ich einen Garten angelegt!"
Sina Stieding, Trends-Managerin bei YouTube, hat mit Marie von Wurzelwerk und Luke Jaque-Rodney ein interessantes Interview für den YouTube Creator Podcast geführt.

Im zweiten YouTube Trends Talk habe ich mit zwei tollen Creatorn über das Thema Nachhaltigkeit auf YouTube geredet. Diesmal zu Gast sind der Minimalismus-Creator Luke Jaque-Rodney und Marie Diederich von Wurzelwerk, auf ihrem Kanal dreht sich alles um das Thema Selbstversorgung. Die zwei erzählen, was die Themen ihrer Kanäle für ihren persönlichen Alltag bedeuten, über ihren Werdegang, die Community auf YouTube und wie sie mit Hasskommentaren umgehen.

Sina: Wie bist du, Luke, überhaupt auf die Idee gekommen, einen Kanal aus deinem Lebensstil zu machen?

Luke: Ich habe vor ca. 3 Jahren mit Kochvideos angefangen. Das war auch eher “just for fun”. Ich weiß nicht mehr genau, wie es begonnen hat, ich glaube ich habe zu meinem besten Kollegen, der eine Kamera hatte, gesagt: “Ich koche gerne, du filmst gerne, lass uns einfach Videos machen”. Ich habe einfach immer das gemacht, was mich gerade beschäftigt. Für mich war es immer wichtig, dass die Videos einen Mehrwert haben. Mittlerweile ist daraus ein ganz bunter Mix aus Minimalismus, Produktivität und ein bisschen Ernährung entstanden.

Marie, um das mal zu dir zurückzugeben, bei dir stelle ich mir das ähnlich vor. Liege ich da richtig?

Marie: Ja, genau. Ich habe mit einem Blog angefangen, vor ungefähr acht Jahren, weil ich den ganzen Tag über Tomaten reden könnte, aberim echten Leben niemand mehr zuhören wollte. Irgendwann dachte ich, es wäre total cool, zu den Blogartikeln noch Videos zu haben. YouTube war für mich nur dieser Player, den ich einbette auf meinem Blog. Dann habe ich angefangen, auf YouTube Videos hochzuladen und gemerkt: Das ist viel mehr, das ist ein ganz neues Medium, eine ganz neue Zielgruppe und eine krasse Community, zu der man eine viel stärkere Verbindung aufbauen kann.

Nachhaltigkeit ist ja kein neues Thema auf YouTube. Aber Themen, wie Selbstversorgung, Ordnung zu Hause schaffen - das warensuper Trends in der Pandemie. Mich würde interessieren, wie ihr das bei euch aufgenommen habt, dass dann plötzlich all diese Menschen eure Videos geschaut haben?

Marie: Das ist natürlich ein krasses Gefühl. Also, ich finde, man merkt es oft erst, wenn man Leute trifft, denn ob ein Video jetzt 100.000 Aufrufe hat oder 300.000, das ist eine riesengroße Zahl. Man kann nicht begreifen, wie viele Leute das sind. Es ist ein tolles Gefühl, wenn man Leute auf der Straße trifft, die einem erzählen: “Wegen dir habe ich einen Garten angelegt”.

Luke: Ich habe nicht so viele Leute getroffen, aber wenn Menschen auf einmal schreiben: “Ich bin dir so dankbar, weil ich jetzt viel bewusster lebe”, dann geht das schon unter die Haut und ist mehr Wert als die Aufrufe.

Was bedeutet die Community dabei für euch? Sucht ihr eure Themen auch gezielt danach aus, was eure Community hören will?

Marie: Ja, ich schaue schon, was die Leute interessiert. Wir haben nicht nur irgendein Thema, sondern ein Thema, was uns wirklich am Herzen liegt. In meinem Fall, dass Leute rausgehen und mit den Händen in der Erde wühlen und merken, wo Lebensmittel herkommen. Und in deinem Fall, Luke, einfach viel bewusster zu konsumieren. Das ist für mich ein echter Antrieb!

Und wo ist die Community bei dir Luke? Wie gehst du mit ihr ins Gespräch?

Luke: Für mich ist das Allerwichtigste, dass sie irgendwas davon hat meine Videos anzuschauen. Ich versuche das Thema Minimalismus auch immer aus einer anderen Perspektive zu beleuchten. Das schätzen meine Zuschauer glaube ich, dass sie andere Denkanstöße bekommen, die nicht so direkt in Verbindung mit Nachhaltigkeit oder Minimalismus stehen.

Stichwort Nachhaltigkeit. Was bedeutet euch das? Wie hat sich das bei euch entwickelt?

Marie: Ich war ein typischer Teenager, der sich keine Gedanken über Konsumentscheidungen gemacht hat. Ich habe mir gekauft, was ich wollte, wenn ich es mir leisten konnte und es war mir egal, wo das hergestellt wurde. Aber diese Leidenschaft fürs Gärtnern war schon immer da. Ich habe gemerkt, wie cool das ist, wenn ich hinter meinem Haus Lebensmittel anbaue. Kürzer können die Transportwege ja nicht sein. Man lernt den Planeten übers Gärtnern mehr zu schätzen. Und so ist dann mein Bewusstsein für dieses Thema entstanden.

Und bei dir Luke? Warst du schon immer auf dem ‚Minimalismus-Trip‘ oder hast du dich irgendwann bewusst dazu entschieden?

Luke: Ganz ehrlich, mir ging es dabei eher um mich selbst. Durch weniger Konsum, kann ich mich mehr auf Dinge fokussieren, die mir wichtig sind im Leben. Der nachhaltige Aspekt schwingt dann mit: Wenn man überwiegend Pflanzen isst, dann lebt man einfach nachhaltiger. Wenn man weniger konsumiert, dann lebt man auch nachhaltiger. Und deswegen war das Nachhaltigkeitsthema eigentlich eher so ein so ein Follow-up von dem bewussten Lebensstil.

Was ich mich bei dir frage, Marie, wie schwer ist es, von der Selbstversorgung zu leben?

Marie: Da muss man sich immer die Frage stellen, was Selbstversorgung eigentlich ist. Ich glaube, dass fast niemand alles selber machen kann, es aber schon ein cooler Schritt ist, wenn man eigene Chilis auf dem Balkon anbaut. Ich kaufe immer noch Schokolade ein und versuche in den Bereichen, die mir Spaß machen, möglichst viel selber zu machen. Bei mir ist das Obst und Gemüse, ich habe eigene Hühner, ich esse mein eigenes Fleisch und wenn es klappt, dann trinke ich meine eigene Milch. Aber in dem Umfang, wie ich es mache, ist es viel Arbeit. Ich brauche ungefähr zehn Stunden in der Woche, um das alles zu machen.

Luke, bei dir in den Videos sieht immer alles sehr aufgeräumt aus. War das schon immer so?

Luke: Mittlerweile ja, aber das war vor zwei Jahren noch anders. Damals war es ganz schlimm, da habe ich mich gar nicht um meine Wohnung gekümmert. Ich hatte einfach sehr viel Zeug und irgendwann habe ich Sachen, die ich nicht mehr gebraucht habe, ausgemistet - das ist ein geiles Gefühl. Es ist erstrebenswert, weil man nur noch Dinge um einen herum hat, die man benutzt oder die einen Wert haben. Bei mir hat das zweieinhalb Jahre gedauert und ich finde, die Zeit sollte man sich auch nehmen.

Marie, du hast ja schon über 200.000 Abonnenten, findest du, dass die große Community schwieriger zu managen ist?

Marie: Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass Hasskommentare oder Negativität in den Kommentaren am Anfang noch viel mehr vorhanden waren als jetzt. Also nein, es ist tatsächlich einfacher geworden.

Das ist ja mal eine Message. Ich hoffe, das geht so weiter. Wie geht ihr denn mit Hasskommentaren um, blendet ihr das einfach aus? Wie setzt ihr ihr Tools zum Schutz von euch und eurer Community ein?

Luke: Es ist schon nicht leicht. Es sind jetzt nicht so viele Kommentare, aber leider haben wir Menschen die Tendenz dazu, das Negative stärker zu gewichten. Kritik in den Kommentaren ist auch überhaupt nicht schlimm, nur solche Kommentare, die wirklich von Hass geprägt sind und bei denen du auch nicht in die Diskussion gehen kannst. Da belasse ich es einfach dabei, weil ich weiß, dass es mich dann zu sehr aufwühlen würde.

Und bei dir, Marie?

Marie: Mich hat es am Anfang belastet, wenn Sachen unter die Gürtellinie gehen. Auch wenn viel mehr positive Kommentare kommen, beschäftigt dich dieser eine Kommentar den ganzen Tag. Ich habe irgendwann meine Schwester gebeten, alle Kommentare durchzulesen, zu moderieren und im Zweifel Leute zu blocken, die miese Kommentare schreiben. Damit meine ich nicht die kritischen Kommentare in die Richtung „Ich pflanze meine Tomaten aber anders“ - das ist völlig in Ordnung und darüber sollen die Leute diskutieren. Aber mittlerweile ist es so, dass es mich wirklich selten noch aus der Bahn wirft. Man bekommt irgendwie ein dickes Fell.

Wenn du jetzt so zurückblickst, gab es für dich irgendwelche Meilensteine?

Luke: Ja, auf jeden Fall als ich in den Trends war, also bei „Creators on the Rise” - das war schon der Hammer. Als ich diese E-Mail bekommen habe, habe ich mich erstmal gefragt, ob das wirklich echt ist.

Ich erkläre kurz was hinter dem Programm steckt. Zweimal die Woche haben wir aufstrebende Creator auf der Trending-Liste. Wenn man auf die tagesaktuellen Trends auf YouTube schaut, dann ist mittwochs und freitags jeweils ein Creator gefeatured, der schneller wächst als alle anderen. Und das warst du. Du warst 24 Stunden in den Trends, hast du das auch gemerkt?

Luke: Ja, auf jeden Fall an den Zahlen und an den Kommentaren. Man hat nochmal ganz andere Leute erreicht, die sich vielleicht sonst nicht für das interessiert hätten, was man so macht. Das war wirklich cool.

Wie schön! Marie, hast du auch so einen Moment, an den du gerne zurückdenkst?

Marie: Ja, als ich 30.000 Abonnenten erreicht habe. Da wurde mir bewusst ,dass sind mehr Leute, als in meiner Stadt wohnen. Ich weiß noch, dass ich geweint habe, als ich das gesehen habe. Aber es ist bei mir oft nicht so an Zahlen gekoppelt, weil mir die Kommentare und zu sehen, dass man etwas in dem Leben von anderen bewegt, viel mehr bedeuten.Ich weiß nicht, ob dir das so bewusst ist Luke, aber du veränderst Leben, und das ist einfach unfassbar schön.

Und wo wir jetzt so in die Vergangenheit zurückgeschaut haben, gibt es konkrete Pläne, die ihr noch habt?

Marie: Ich würde gerne meine eigenen Werkzeuge entwickeln. Es gibt ein paar Tools für den Garten, die ich benutze, bei denen mir aber ein paar Dinge fehlen und da habe ich viele Ideen. Aber, und das sieht man von außen oftmals nicht, es ist viel Arbeit, einen Kanal zu betreiben. Ich möchte mich nicht überfordern. Ich merke, dass mein Fokus sehr stark darauf liegen sollte, auf mich aufzupassen und nicht 1.000 Projekte anzufangen. Ich habe gerade ein Buch geschrieben und ich mache Video-Kurse. Deswegen ist für mich grade das Ziel, ein paar Monate ohne großes Projekt zu haben und durchzuatmen, bevor es ins nächste Abenteuer geht.

Das nenne ich mal ein Ziel und ich finde es sehr wichtig, was du sagst, denn da müssen wir alle ein vorsichtig sein. Und bei dir Luke?

Luke: Ich möchte auf jeden Fall noch einen Ernährungs-Kanal machen. Das ist schon seit neun Jahren meine Leidenschaft. Ich möchte einen Kanal haben, der sich nur darauf konzentriert, vielleicht auch ein bisschen als Spielwiese, weil ich da einfach am allerliebsten drüber rede. Tatsächlich habe ich bereits einen zweiten Kanal, aber der dreht sich rund um das Thema Finanzen, das ist nochmal was anderes.

Was bedeuten euch Trends?

Luke-Jaque: Ich muss sagen, dass ich auf Trends nicht stark achte, ich recherchiere einfach zu wenig. Aber ich glaube, dass sich viele mit den Themen auseinandersetzen, mit denen ich mich täglich beschäftige. Deswegen habe ich zum Beispiel auch meinen Finanz-Kanal eröffnet. Ich weiß einfach, es geht unglaublich vielen Leuten in meinem Alter so, dass sie eigentlich keine Ahnung von Finanzen haben. Genauso ist es beim Thema Ernährung und einem bewussteren Leben.

Und bei dir, Marie?

Marie Bei mir ist es so, dass ich schon mal den ganzen „Jahreszyklus” durchgemacht habe. Langsam ärgert es mich, dass ich weiß, wenn ich jetzt ein Tomaten-Video mache, dann interessiert das viele Leute, aber ich habe das gleiche Video letztes Jahr schon mal gemacht. Deshalb versuche ich, aus einem langen Video über das Tomatenpflanzen einfach mal ein YouTube-Short zu machen. Ich erzähle dann die gleichen Sachen in verkürzter Form und in einem neuen Format.

Das habe ich auch schon von vielen Creator gehört, die jetzt angefangen haben, auch mit anderen Formaten zu experimentieren. Das ist das Schöne daran: Auf YouTube haben wir Shorts, Live-Formate und generell kannst du mit deinem Handy oder der Kamera aufnehmen, du kannst experimentieren und ein Video, was es schon gab, dann noch mal neu verpacken.

Was ich abschließend wirklich sagen kann ist, dass ich keinen Kanal kenne, der nur durch die Inhalte groß raus kam. Die Zuschauer:innen interessieren sich nicht nur für das Thema, sondern sie finden euch einfach nett. Und ich glaube, wir müssen uns ein bisschen mehr darauf einlassen, dass das tatsächlich Leute sind, mit denen wir eine Beziehung eingehen. Die Leute nehmen euch auch ein Stück weit als Freunde wahr.

Luke: Das ist ein guter Punkt. Ich versuche einfach ganz normal zu sein. Und letztendlich ist YouTube, nichts anderes als ein Gespräch. Ich sag den Leuten was und sie kommentieren oder denken darüber nach. ch glaube, dass es ein Vorteil ist, wenn du authentisch bist, normal sprichst und anderen etwas mit auf den Weg gibst. Immerhin bezahlen die Zuschauer:innen mit ihrer Zeit.

Marie: Ja, das stimmt! Wenn dein Rasenmäher kaputt ist und du schaust dir ein Tutorial an, wo jemand NUR erklärt, was du reparieren musst, dann denkst du eine Woche später nicht mehr an den Menschen. Es heißt ja nicht umsonst YouTube.

Ja, es ist was anderes, wenn man eine richtige Verbindung aufbaut und einfach man Selbst ist - das hat bei euch gut funktioniert. Ich bedanke mich sehr, dass ihr hier gewesen seid. War total schön, mit euch darüber zu sprechen und ich hoffe, dass wir uns alle irgendwann nochmal hier wiedersehen.